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07.07.2017

Herausforderung Demenz im Klinikalltag

Das Klinikum Arnsberg gehört zu fünf Krankenhäusern in Deutschland, die die Robert Bosch Stiftung jüngst in ihr Förderprogramm „Menschen mit Demenz im Akut-Krankenhaus“ aufgenommen hat. In den kommenden drei Jahren werden die ausgewählten Krankenhäuser in Arnsberg, Berlin, Bremervörde, Göppingen und Magdeburg neue Konzepte zur weiteren Verbesserung der Versorgung für Patienten mit der Nebendiagnose Demenz in der Praxis umsetzen. Die Stiftung unterstützt sie dabei mit insgesamt über 450.000 Euro. Rund 100.000 EUR fließen nach Arnsberg in ein neues Konzept zur Delir-Präventionsbehandlung.

Schwere Verletzungen oder Krankheiten können zu akuter Verwirrtheit führen
Einhergehend mit der demographischen Entwicklung werden im Klinikum Arnsberg zunehmend betagte und hochbetagte, mehrfacherkrankte und immobile Menschen sowie Menschen mit vorangegangenem Schlaganfall und Demenz, d. h. mit vorbestehenden kognitiven Einschränkungen behandelt. „Patienten mit kognitiven Einschränkungen sind besonders gefährdet, während eines Krankenhausaufenthaltes in ein Delir, einen akuten Verwirrtheitszustand, zu fallen“, erläutert Dr. med. Meinolf Hanxleden, Chefarzt der Klinik für Geriatrie, Klinikum Arnsberg.

Auslöser eines solchen Delirs können beispielsweise Operationen, starke Schmerzen, Flüssigkeitsmangel oder Wechselwirkungen bestimmter Medikamente sein. Auch Menschen ohne Vorbelastungen können bei schweren Verletzungen oder Krankheiten ein Delir entwickeln, was jedoch, als „Durchgangssyndrom“ bekannt, dann meist schnell wieder verschwindet. Bei älteren Patienten mit kognitiven Defiziten wirkt sich eine solche Bewusstseinsstörung jedoch viel gravierender aus und kann im weiteren Verlauf zu schweren Komplikationen beispielsweise im Herz-Kreislauf-System und bei der Atmung, zu dauerhaften Schäden, bis hin zum früheren Versterben führen.

Delir verhindern
„Mit unserem von der Robert Bosch Stiftung geförderten Projekt „Vernetzte Delir-Präventionsbehandlung und Nachsorge an Sektorenschnittstellen“ haben wir uns zum Ziel gesetzt, die Früherkennung von Delir-Gefährdungen, die Lebens- und Behandlungsqualität den Delir-gefährdeten Patienten wie auch die Behandlungsstrukturen bereits an einem Delir erkrankter Patienten weiter zu verbessern“, informiert Dr. Hanxleden. 

Umfassendes Maßnahmenpaket in Vorbereitung
Als wichtige Grundlage für den Erfolg der Delir-Prävention wertet Dr. Hanxleden die Schulung und Aufklärung von Angehörigen und Klinikmitarbeitern, damit diese mehr Sicherheit im Umgang mit dem Problem Delir entwickeln können. Dazu zählt auch die Erstellung von Informationsmaterialien, um die Öffentlichkeit über das Krankheitsbild Delir informieren sowie das Problem zu enttabuisieren.

Des Weiteren soll im Rahmen des Projektes ein „Delir-Screening“ eingerichtet werden, um Delir gefährdete Patienten identifizieren und frühzeitig Delir-Präventionsmaßnahmen einleiten zu können. Die Ergebnisse sollen in das bereits im letzten Jahr etablierte Logbuch-Demenz aufgenommen werden.

Die Medikamenten-Sicherheit soll durch Entwicklung einer „Checkliste Polypharmazie“, einen Medikamentenpass, in dem Delir-Risiken verstärkende Medikamente aufgeführt werden und welcher ebenfalls im Logbuch-Demenz dokumentiert werden soll, verbessert werden.

Ebenso ist der Aufbau einer „Delir-Hotline“ geplant, in der sich pflegende Angehörige über konkrete Hilfsangebote informieren können.

Auch Interdisziplinäre Fallbesprechungen im Quartier sind angedacht, d. h. unter Einbeziehung der pflegenden Angehörigen, der zuständigen Hausärzte, niedergelassenen Fachärzte sowie niedergelassenen Apotheker, der zuständigen Sozial-Stationen sowie der zuständigen Klinikmitarbeiter aus den Bereichen Medizin, Pflege, Neuropsychologie, Therapie, Ernährungsberatung und ggf. Seelsorge.

Letztendlich soll auch Unterstützung von niederschwelligen Angeboten sowie der Einsatz ehrenamtlicher Mitarbeiter intensiviert werden, was entsprechende Suche und Schulung von Ehrenamtlichen erforderlich macht.

Vernetzung entscheidend für Delir-Prävention
Die Realisation dieses Projektes ist auf eine effiziente Vernetzung im Quartier angewiesen, um insbesondere an Sektorenschnittstellen Versorgungsstrukturen zu verbessern, Pflegende zu entlasten und Behandlungserfolge in ambulante Versorgungswege zu übertragen. Dieses Projekt ist nur umsetzbar in Kooperation mit:

  • Niedergelassenen Hausärzten / Fachärzten
  • Niedergelassenen Apothekern
  • Patienten und Angehörigen
  • Mitarbeitern
  • Arnsberger „Lern-Werkstatt“ Demenz
  • Ehrenamtliche des Krankenhausbesuchsdienstes sowie Ehrenamtliche der Jugend-Caritas
  • Bildungsstätte des Klinikums Arnsberg
  • Ambulanten Pflegediensten

Um diese Zusammenarbeit zu fördern und zu koordinieren, ist die Einrichtung eines Netzwerkbüros vorgesehen.

Arnsberg hat Vorbildcharakter
„Das ist nach der Lernwerksta(d)t Demenz das zweite große Projekt für ein besseres Leben mit Demenz, das die Robert Bosch Stiftung in Arnsberg fördert. Wir freuen uns darüber, weil es ein weiterer wichtiger Baustein für Arnsberg als Stadt des langen und guten Lebens ist", so Bürgermeister Hans-Josef Vogel. Und weiter: "Wir in Arnsberg haben hier Vorbildcharakter für ganz Deutschland. Das spornt uns alle an."

Robert Bosch Stiftung fördert das Engagement
„Mehr als 8 Millionen ältere Menschen werden in Deutschland jährlich stationär behandelt. Sie kommen mit Knochenbrüchen, Lungenentzündungen oder Harnwegsinfektionen ins Krankenhaus, benötigen aber häufig viel mehr als die übliche Behandlung“, erklärt Dr. Bernadette Klapper, Leiterin des Bereichs Gesundheit der Robert Bosch Stiftung. Laut der im vergangenen Jahr von der Stiftung geförderten GHoSt-Studie (Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/68388.asp) weisen insgesamt 40 Prozent aller über 65-jährigen Patienten in Allgemeinkrankenhäusern kognitive Störungen auf, fast jeder Fünfte leidet an Demenz.

Deshalb hat die Robert Bosch Stiftung bereits 2012 das Programm "Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus" ins Leben gerufen. Rund 500 Krankenhäuser haben sich in den drei bisher erfolgten Ausschreibungsrunden um eine Förderung beworben. Mit den fünf neu hinzugekommenen Krankenhäusern wurden seit dem Start insgesamt 17 Projekte in das Programm aufgenommen. Die jetzt startende dritte Programmrunde wird aus Mitteln der unselbstständigen Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung finanziert, die von der Robert Bosch Stiftung verwaltet wird.

Die Projekte der dritten Programmrunde im Überblick:

  • Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R., WOHIN? Entscheidungspfad zur Entlassungsplanung bei Patienten mit der Nebendiagnose Demenz im Akutkrankenhaus: zurück in die eigene Wohnung oder Umzug in eine Pflegeeinrichtung?
  • Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, Verbesserung der Identifizierung und Betreuung von Patienten mit Demenz und Delir in der Notaufnahme
  • Klinikum Arnsberg, Sektorenübergreifende Delirprävention im Einzugsgebiet
  • Klinikum Christophsbad GmbH & Co. Fachkrankenhaus KG, Göppingen, Interdisziplinäre und multiprofessionelle Medikations-/Polypharmazie-Management bei Menschen mit Demenz
  • Ostemed Kliniken und Pflege GmbH, Bremervörde, Screening und Therapie von Malnutrition bei Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus

Informierten über das neue Förderprojekt zur Delir-Präventionsbehandlung (von links nach rechts): Dr. med. Meinolf Hanxleden, Chefarzt der Klinik für Geriatrie, Klinikum Arnsberg, Hans-Josef Vogel, Bürgermeister der Stadt Arnsberg, Dr. med. Martin Bredendiek, Ärztlicher Direktor Klinikum Arnsberg, Thomas Neuhaus, Verwaltungsdirektor Klinikum Arnsberg.